Schottland Mai 2019

Wo bleibt Hermann? Müssen wir uns Sorgen machen? Er ist jetzt beim dritten Mal deutlich länger unter Wasser als die beiden Male vorher. Aber was heißt Wasser? Kloake würde es eher treffen. Zumindest werden uns später ein paar Schotten, die das Tauchabenteuer beobachteten, berichten, daß sie niemals in dem Medium baden würden, welches die Sohle des Crinan Canals bedeckt.

Aber Gott sei Dank. Hermann taucht wieder auf. Kommando zurück, nein, das ist nicht Hermann, das ist ein kleines Seeungeheuer, welches die Wasseroberfläche durchbricht. Jedoch nicht aus eigener Kraft, vielmehr wird es von Hermann getragen, der kurz danach auftaucht und seine Lungen endlich wieder mit frischer Schottischer Küstenluft füllen kann.

Nicht nur das Aussehen des Mitbringsels läßt auf ein Seeungeheuer schließen, ärgerte es uns doch den ganzen Tag bei der Passage des Crinan Canals mit seinen 15 Schleusen (zwölf davon handbetätigt durch uns). Bei genauerem Hinsehen entpuppt es sich als Spinnakertuch, welches sich um unsere Schraube wickelte, als wir à la vaporetti style an einem Steg eine entgegenkommende Yacht passieren ließen. Der Beifang würgte sogar unseren Diesel ab. Letzterer ließ sich danach zwar wieder starten, der Schub war jedoch deutlich reduziert, was die Schleusenmanöver nicht unbedingt leichter machte.

Am Ende der Kanalpassage jedenfalls schnitt Hermann, der zuvor noch dafür belächelt wurde, eine Taucherbrille mit nach Schottland gebracht zu haben, unsere Schraube wieder frei. Er wurde damit zum Helden unseres Törns vom 18. bis zum 25. Mai 2019 (das wurde mit Unterstützung der Destillerie Laphroaig auch belohnt).

Ausgangs- und Zielhafen war Largs. Bei der Ankunft hatten wir noch leichten Nieselregen, welchen wir allerdings als Schönheitsfehler abtaten - nach der vorbereitenden Einstimmung durch Skipper Christian Gradl waren wir doch auf Regenschauer der schlimmsten Art ("Das ist in Schottland normal!") eingestimmt und vorbereitet. Nun ja, es sollte der einzige Niederschlag bleiben.

Nicht nur aus Niederschlagssicht war das Wetter bemerkenswert, wir trugen auch maximal zum Klimaschutz bei. Der Motor unserer Boarding Pass I mußte gerade mal die Ab- und Anlegemanöver und Kanaldurchfahrten bewerkstelligen, den Rest konnten wir segelnd bestreiten. Gut, eine kleine Ausnahme sei erwähnt: Am Sonntag, auf der Etappe von Largs nach Tarbert, war es etwas zu schwachwindig. Wir nutzten dies allerdings gewinnbringend, um eine üblicherweise ausgesparte und an der engsten Stelle nur 400 Meter breite Meeresstraße zu erkunden: die Kyles of Bute. Die frühe Ankunft in Tarbert ermöglichte uns einen Spaziergang durch den 1300-Einwohner-Ort. Eine Sehenswürdigkeit auf Baedeker-Niveau stellte dabei das Tarbert Castle dar, welches vom Hafen aus in Gehweite ist und zudem einen ansprechenden Ausblick auf den Ort bietet.

Früh aufstehen war dagegen am nächsten Morgen angesagt, wir hatten uns etwas größeres vorgenommen. Zunächst war unser Ziel Ardrishaig. Der kleine Ort stellt den östlichen Eingang in den 1801 fertiggestellten Crinan Canal dar, welchen wir heute bewältigen wollten. Er ermöglicht eine sichere Durchfahrt vom Firth of Clyde in den Sund of Jura. Aufgrund der vielen handbetätigten Schleusen stellt seine Passage aber durchaus eine ermüdende Angelegenheit dar. Nichtsdestotrotz ein Erlebnis (auch ohne spinnakerverunreinigte Schiffsschrauben)! Belohnt wurden wir abends im Crinan Hotel mit Austern und anderen Kostbarkeiten aus den lokalen Gewässern.

Jetzt - am Montag - sollten auch die Vollblutsegler auf ihre Kosten kommen. Das letzte Schleusentor öffnete sich, wir waren im Sund of Jura. Trotz der Landabdeckung durch die Inseln Islay und Jura ist hier der Atlantik maßgeblich für die Seegangsverhältnisse. Kurz nach Passieren der seewärtigen Schleuse konten wir unseren Motor abstellen und unter Vollzeug auf Halbwindkurs Richtung Islay segeln. Segelmanöver waren kaum erforderlich, lediglich in der Ansteuerung von Port Ellen hieß es einmal "Klar zur Wende!", "Ree!".

Ob Whiskey-Anhänger oder nicht: Islay lohnt sich. So legten wir einen Tag Segelpause ein. Islay hat etwa 3300 Einwohner. Das ist vergleichbar mit der Einwohnerzahl der Gemeinde Pettendorf im Landkreis Regensburg. Bemerkenswert wird dies, wenn man sich vergegenwärtigt, daß Islay dabei mit neun - nahezu durchweg renommierten - Whiskey-Destillerien aufwarten kann. Ob Whiskey-Anhänger oder nicht: Der Anstand gebietet, sich wenigstens eine davon anzusehen: Laphroaig! Nach einer gemütlichen Wanderung erschienen wir pünktlich zu unserer vorab gebuchten Führung, welche keine Facette der Whiskey-Produktion aussparte und auch die Möglichkeit bot, die örtlichen Erzeugnisse zu verkosten.

Unsere Musikalität stellten wir unter Beweis, als wir im Anschluß mit der im Islay Hotel an der Wand hängenden Gitarre den Biergarten selbiger Lokalität aufmischten. Gut, außer uns waren da nicht viele Gäste. Allerdings lockten wir welche an: Die Gitarre- und Gesangskünste unserer Crew sorgten dafür, daß sich unter anderem Mitglieder einer im Hotel weilenden Hochzeitsgesellschaft um unseren Tisch scharten. Der Abend gipfelte darin, daß uns eine schottische Männercrew zu sich an Bord einlud. Bestimmend waren auch hier wieder Gitarre und Gesang. Es stellte sich heraus, daß just diese Schotten Hermanns Tauchgänge beobachteten. Sie waren es, welche der Wasserqualität des Crinan Canals ein vernichtendes Urteil aussprachen.

Timing war am nächsten Tag gefragt: Laut Skipper ist es fast ausgeschlossen, Mull of Kintyre bei Strom gegenan zu passieren. Reeds Nautical Almanac lieferte uns die entscheidende Information. Wir wußten, wann wir auszulaufen hatten, um mit dem Strom das von Paul McCartney besungene Kap zu umrunden. Beeindruckend war es allemal, zu sehen, wie unser Schiff mehr als acht Knoten über Grund machte, obwohl wir nur sechseinhalb Knoten Wind von Achtern hatten. Auch die Wasseroberfläche war außergewöhnlich: Es zeigten sich trotz der moderaten Windverhältnisse auffällige Wellenerscheinungen. Die gute Törnplanung ermöglichte eine sichere Ankunft in Campbeltown. Erfreulich war, daß unsere Anwesenheit mit einem Whiskey-Festival zusammenfiel. So konnten wir bei Live-Musik auch die Produkte der Destillerie Springbank noch begutachten.

Die Isle of Arran an Steuerbord ging es dann wieder in die Heimatmarina unserer Yacht. Das Tanken hätten wir uns aufgrund der guten Windverhältnisse fast sparen können. Die dabei eingesparten Euros investierten wir am letzten Abend lieber im Restaurant der Marina, in welchem für uns alle einer der besten Törns bislang ausklang.

Gelesen 715 mal Letzte Änderung am Mittwoch, 27 Mai 2020 17:39

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